Es war so ungefähr 2010. Da war ich in den USA, links von Texas, in New Mexico; liberaler, offener Staat und so – und ich wurde trotzdem doof angemacht auf dem Klo. Von einer Frau, in der üblichen Weise:
„Das hier ist das Frauenklo!“
Boah, wie oft hatte ich das schon gehört!
Und boah – jedes Mal gedacht:
„Sag mal, glaubst du nicht, dass ich besser weiß als du, was ich da zwischen den Beinen hab?“
Aber auch jedes Mal: Ich sagte nichts.
Was denn auch?
„Soll ich dir meinen blutigen Tampon zeigen? Reicht das als Beweis?“ (Das übte ich später mal auf Griechisch zu sagen, als mir auf dem Athener Flughafen Gleiches geschah. Und ich gerade menstruierte. Aber das ist ein komplizierter Satz; und ich lernte ihn letztendlich nicht.)
„Noch nie eine Frau in Anzug/ mit kurzem Haar/ kernigem Kinn gesehen?“
„Ja, ich weiß. Vielen Dank!“
„Äh.“
„____“
Mir fehlten da einfach die Worte. (Ehrlich gesagt: Sie fehlen noch immer.)
(Und das mit dem Klo-Rausschmiss passiert überall; „liberaler“ Staat ganz egal.)
Wenn Autoren die richtigen Worte fehlen
Die Worte also. Die fehlenden.
Sie fehlten auch damals, 2010, in einem (liberalen) Café in New Mexico.
Die Worte.
Die Erwiderung.
Die mündliche.
Und dann passierte was:
„Ich kann ja auch schriftlich!“, dachte ich. „Ich bin schließlich Autorin!“
(So genau dachte ich das nicht. Aber es beschreibt, was dann passierte: Ich schrieb. Eine Erwiderung.)
Und noch etwas geschah, und das war die entscheidende Zutat: Ich machte Kunst daraus.
Ich schrieb nicht einfach auf eine Serviette im Café: „Sag mal, glaubst du nicht, dass ich besser weiß als du, was ich da zwischen … ?“
Und auch nicht all die anderen Antworten, die gepasst hätten in der Situation.
Ich verfremdete.
Denn eine dritte Zutat kam dazu: Ich hatte da gerade so einen Aufruf für ein Hörspiel gelesen.
Hörspiel gesucht!
Ganz kurz sollten die Texte für das Hörspiel sein (so kurz, dass sie doch auf eine Serviette passen würden! Boah.)
SMS-Länge war gefragt.
Eine SMS – für alle, die die 2010 üblichen Handys nicht mehr kennen – hatte 160 Zeichen. Man konnte auch mehr schreiben als das, aber dann auch entsprechend mehr bezahlen. Jede SMS 10 Cent, oder 20 Cent, ich weiß es nicht mehr genau; jedenfalls war’s teuer und ich gut auf SMS-Länge trainiert.
„Na dann“, dachte ich, damals im Café.
Und ich schrieb.
Ein Hörspiel in der Länge einer SMS.
Und ein zweites, ein drittes.
Ein viertes, fünftes und so weiter; insgesamt zehn.
Und dann feilte ich dran, überarbeitete, machte sie so richtig richtig richtig gut, und schickte sie ein.
Wenn du übrigens nicht glaubst, dass ein Hörspiel so kurz sein kann: Am Ende des Artikels findest du den Link zu den zehn Hörspielen! Sie sind online abrufbar – viel Spaß!
Als Autorin mal etwas wagen
Der Deutschlandfunk hatte aufgerufen, Mini-Hörspiele einzusenden.
Ich sandte ein.
„Wurfsendung“ hieß das Format – kleine Hörstücke, die immer mal wieder so zwischen anderen Sendungen ins Programm geworfen wurden.
Sie sollten zusammenhängen, diese kleinen Hörstücke, zu einem Thema sein, aber doch alle eigenständig funktionieren.
Mein Thema war „Die Toilette“ – so nannte ich mein Wurfsendungspaket.
Und schilderte in zehn Stücken, wie das auf den Klos der Welt eben so war. Für Menschen wie mich.
Oder wie es sein könnte, oder sein sollte, oder überhaupt.
Und dann wartete ich.
„Deutschlandfunk“, dachte ich. „Das wär schon was!“
Und es war auch was: Bald bekam ich Bescheid: „Juhu, Ihre Texte sind toll! Sie sind Finalist!“
Und dann war ich also Finalist, wurde eingeladen zu einer Gala, bekam irgendwie was Schönes (was, weiß ich nicht mehr) – und dann wartete ich wieder.
Auf Veröffentlichung.
Denn das hatten sie bei der Gala gesagt: „Wir produzieren die Stücke der Finalisten!“
Aber es dauerte.
Vier Monate, fünf; fast dachte ich, es würde zehn Monate dauern, für jedes Stück einen – aber nach einem halben Jahr bekam ich dann doch eine Mail:
„Wir wagen mal was!“
Autor*innen wie ich: Butch, trans, queer
„Was gibt’s da zu wagen?“, dachte ich. „Das ist doch nur das Leben, wie’s halt so ist für Leute wie mich.“
Aber anscheinend war das Thema Klo dann doch irgendwie besonders.
Ein Wagnis.
Und da wiederum stimmte ich zu: Aufs Klo zu gehen ist ein Wagnis für Leute wie mich.
Angebrüllt werden.
Rausgeschmissen werden.
Angestarrt werden (da ist man dann schon dankbar für, wenn nur das passiert).
Immer wieder. Ein Leben lang.
Und nicht, weil ich’s drauf anlege, sondern einfach weil ich nicht passe.
Zu männlich fürs Damenklo.
(In der Oper mit Anzug? Ab aufs Herrenklo!)
Zu maskulin für eine Frau.
(In Italien und anderen Klischee-Macho-Ländern ganz besonders deutlich noch so.)
Zu weiblich fürs Herrenklo.
(Wenn ich dann aufs Männerklo geh, um den Stress auf dem Frauenklo zu vermeiden.)
Zu feminin für einen Mann.
(Ich kann auch im Stehen pinkeln, ich schwör! Tu das aber eher selten auf öffentlichen Toiletten.)
Zu dies, zu das …
Die Lösung: Das Behindertenklo!
Aber auch da werd ich rigoros rausgeschmissen; auf dem bereits erwähnten Athener Flughafen sind sie da ganz streng. Niemand „Normales“ darf auf diese Klos rauf!
Dabei sind diese Klos echt toll! Kein Gender, kein „Für Damen“, „Für Herren“, sondern einfach nur Klo.
Entsprechend hab ich dann auch eine Ode auf das Baustellenklo geschrieben, als eins der zehn Hörstücke. Eine Ode in 160 (SMS-Länge!) Zeichen.
Die zehn kurzen Stücke sind:
- Zufall
- Erleichterung (das Baustellenklo!)
- Überforderung
- Begeisterung
- Spaß
- Straße
- Oper (hah, da ist sie, die Oper!)
- Restaurant
- Zu Hause
- Überall
Zu Hause ist übrigens mein liebstes Klo.
(Aber nicht mein liebstes der zehn Hörspiele. – Was ist deins? Kommentier das gern mal, wenn du alle gehört hast. Link zu „Die Toilette“ am Ende.)
Das Klodrama der queeren Menschen im Deutschlandfunk
Eines Tages dann waren die Hörspiele produziert. Und kamen im Radio.
Eines Tages rief mich eine Freundin an: „Ich hab dich gehört! Im Radio!“
Okay – sie hatte nicht mich gehört; es war nicht meine Stimme in den Hörspielen. Aber sie wusste: Das ist mein Hörspiel! Ich hab das geschrieben!
Ich war ziemlich stolz. Freute mich, dass nun die ganze Welt vom Klodrama der queeren Menschen erfuhr.
Zumindest ganz Deutschland.
„Deutschlandfunk“, dachte ich. „Das ist schon was. Boah!“
Und es war auch was – das merkte ich noch mal extra, als die Honorarabrechnung kam.
Damals hatte ich ein Postfach, lief da ab und zu mal hin, um zu sehen, wer mir schrieb.
Und so stand ich eben in der Post, im Vorraum, dem Raum mit den vielen Schließfächern. Stand und las meinen Brief vom Deutschlandfunk.
„Oh“, dachte ich. „Das ist ja nett!“
330 Euro, las ich da. Das war mein Honorar.
„Joey“, sagte meine Freundin damals (die mich überhaupt erst nach New Mexico geschleppt hatte). „Da steht nicht ‚330‘.“
„Nee?“
„Nee. 3.300!“
„Huch“, dachte ich. „Echt?“
Echt.
Ich hatte mich verlesen, als arme, aufsteigende, noch kein anständiges Honorar gewöhnte Autorin so viel gar nicht erwartet und daher auf den ersten Blick auch nicht gesehen.
Dreitausenddreihundert!
Und dann rechnete ich:
Pro Hörspiel 330 Euro!
Und dann rechnete ich noch mal anders, und das gefiel mir ganz besonders: Zehn Hörspiele zu je 160 Zeichen machte 1.600 Zeichen, 3.300 Euro – und somit ein Honorar von gut einem Euro pro Zeichen!
Auch für Leerzeichen!
Schau: _ Ein Euro!
Schau: xx Zwei Euro!
Und hier: x_x Drei Euro!
So einfach war es, mit Schreiben Geld zu verdienen?
Noch mehr Hörspiele!
Ich beschloss, sofort: Ich mach noch mehr Hörspiele!
Tat ich auch; ich schrieb noch zwei Wurfsendungspakete – aber keins der beiden wurde angenommen. (Sie waren wohl nicht gewagt genug.)
Und dann wurde das „Wurfsendung“-Format irgendwann auch eingestellt.
Und dann … Na ja, ich blieb dran.
Es dauerte ein paar Jahre, aber schließlich hatte ich doch wieder Erfolg mit einer Idee von mir: Der „Telefonsex“. Ein Feature, ein Hörspiel, ach, so ein Zwischending, auch für den Deutschlandfunk.
Diesmal produzierte ich selbst: nahm auf und schnitt, lernte ein Audio-Programm zu bedienen; und noch später machte ich dann auch einen Podcast; ich hatte Blut geleckt.
Doch all das stelle ich dir nicht jetzt vor; jetzt geht’s ums Klo.
Aber abonnier meine News! Dann schreib ich dir, wenn ich die Artikel zum „Telefonsex“ und weiteren Hörspielen fertig habe für dich.
Vom Klo zum Krimi: Literaturlimonade!
Das Klo also.
Das in Amerika. USA. Links von Texas. New Mexico.
Wie das Café hieß, weiß ich nicht mehr. Wo genau es war, ebenso wenig.
Ich weiß aber noch, dass die Sitze rot waren, die Tische aus Stahl, und das Klo, auf dem ich blöd angemacht wurde, links von mir, hinter einer Holzverkleidung.
Und ich weiß noch etwas: Autoren können das. Aus Zitronen Limonade machen – nur dass ihre Limonade „Hörspiel“ heißt. Oder Buch, oder Geschichte, oder Essay, oder Gedicht. Krimi. Thriller.
Literatur!
Ich schreib aktuell wieder an einer „Limonade“ – ich mache eine Situation, die mir echt nicht gefiel, zum Krimi.
(Es ist mein erster Krimi! Ich bin aufgeregt.)
Und wenn ich mir meine Bücher und Geschichten so anschau: Da ist einiges zu Fiktion geworden, zu einer Story, einem Text, das mich im wirklichen Leben vor dem Schreiben darüber voll nervte.
Das zeichnet mich aus, als Autorin: über das Blöde schreiben. Über das, was mir auf den Keks geht. Das mich anstachelt, dazu etwas zu sagen.
Schriftlich zu sagen.
Mündlich schaff ich das manchmal noch immer nicht.
Aber danach! Zu Hause am Schreibtisch!
Da fällt sie mir ein, die Geschichte, der Text, das Buch, das aus Zitronen Literaturlimonade macht.
Und ich erzähle auch gern, wie genau das passiert – was hinter meinen Geschichten steht. Was der Auslöser war, wie die Idee zu einer Story entstand, zu einer Figur, zu einem Buch.
Und wenn du gern davon liest, wie Autorinnen Geschichten machen: Trag dich ein!
In meine Liste, an die ich dann sende, was ich gern erzähle.
Ich schick dir auch gleich einen ganz wunderbaren Text: Den zu meinem verschollenen Roman!
Denn natürlich hab ich als Autorin auch so was in der Schubladen liegen – und teile den gern mit dir.
Magst du haben? Dann ab mit deinem Namen in die Liste!
Und jetzt endlich: Komm mit mir aufs Klo!
Fast hätt ich’s vergessen: Der Link zu „Die Toilette“!
Nach so viel Text über das Hörspiel kommt dir das Hörspiel selbst jetzt bestimmt superkurz vor. Ist es ja auch: 160 Zeichen.
Schau mal, so viel ist das:
160 Zeichen? Wie viel ist denn das? Da kann man doch kaum was mit sagen! 3-4 Sätze maximal! Haben die früher echt nur so kurze Nachrichten geschrieben auf ihren
(… Handys?)
Das wär schon SMS Nummer zwei. Und noch mal 20 Cent.
Oder waren’s nur 10 Cent? Egal: jedenfalls teuer, und so etwas trainiert.
Dank also nicht nur an diese blöde Frau damals links von Texas auf dem Damenklo, sondern auch an altmodische Handys! An begrenzte Zeichenzahl – und Danke ebenso an Radioformate, die auch mal was wagten: Die „Wurfsendung“ eben mit ihren Hörspielen alle unter einer Minute lang.
Und jetzt hören wir da rein, okay?
Ins Hörspiel „Die Toilette“ auf den Seiten des Deutschlandfunk.
Guten Klogang wünsch ich!
Und lass mir gern per Kommentar dar, welches dein Lieblingsklo war.
Joey



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