Das lange Schreiben an einem Buch (zwei! Gleichzeitig!)

Als Ghostwriterin schreibe ich viel. Für andere. Aber auch „für mich“ - meine eigenen Bücher. Aktuell ein Krimi. Und als Auftrag eine Biografie. Über das Jonglieren von zwei Büchern (und drei Laptops) auf einem Schreibtisch.
Der lange Weg zum Buch: drei Laptops auf dem Schreibtisch hiflt auch nicht, schneller feritig zu werden.

Du liest hier den Blog von Joey Juschka.

Ghostwriting: Ganz heimlich Bücher schreiben

Jahrelang hab ich nicht groß Werbung für mich als Ghostwriter gemacht. Ich hatte einfach erste Kunden, entstanden aus meinem Drang, viel viel viel viel viel zu schreiben.

„Soll ich nicht mal eine Geschichte für deinen Sohn schreiben? Als Geburtstagsgeschenk?“ So in der Art fing es an. Ich schrieb für privat, und meist in einer Auflage von unter zehn Stück. Geschenke an Kinder, an Partner, an die Familie. An eine Hochzeitsgesellschaft. An die Brigade.

Es sprach sich so rum; wie, weiß ich eigentlich nicht genau; aber die Aufträge kamen. Mittlerweile bin ich bei über 30 Büchern, die ich als Auftrag geschrieben habe. Und ich tue es immer noch; mittlerweile auch mit öffentlich Werbung dafür – das kann ruhig jeder wissen.

Dann wollen aber auch immer alle wissen, was denn das für Bücher sind. Und schon hab ich einen Konflikt – denn meine AuftraggeberInnen wollen in der Regel nicht, dass jemand weiß, dass jemand anders als sie selbst schrieb.

„Na ja“, sag ich dann und stottere so rum. „Biografien.“

Das sage ich aktuell. Denn ich schreibe gerade wieder eine, und das ist im Schnitt auch am meisten gefragt: Menschen wollen ihre Lebensgeschichte erzählen. Erzählen lassen. Von mir. Ganz genau. Präzise. Detailliert.

Und das ist dann doch ein Problem, das ich mit dem viel viel viel viel schreiben habe: Es soll meist ganz ganz ganz genau sein.

„Nee, der lief nicht links von mir, sondern rechts“, sagen Kunden dann beispielsweise, wenn ich die Szene beschreibe, wie sie als zukünftiges Paar das erste Mal zusammen spazieren gingen, Knistern im Bauch. „Und der Fluss war auch rechts, und da schwammen zwei Boote, nicht nur eins.“

„Ah“, sag ich dann. „Alles klar. Schreib ich um.“

Und ich schreib dann auch um und klage nicht weiter, aber ganz ganz ganz ganz heimlich denke ich doch: „Menno! Ich will nicht! Bei mir im Kopf war da nur ein Boot! Und ist doch wurscht, wer links und wer rechts lief.“

Aber für das Paar ist es nicht wurscht, denn die zwei Boote schwammen so schön romantisch zusammen gen Sonnenuntergang, dass sie sich deswegen küssten. Und einer von ihnen hört auf dem einen Ohr nichts mehr, also ist es wichtig, welches Ohr dem anderen zugewandt ist beim Spazierengehen.

Aber das muss man erst mal rausfinden.
Aber wenn wenn man es rausgefunden hat, macht es ein Buch interessant.

Und da sind sich „eigene Bücher“, also meine Berlin-Geschichten, das Griechenland-Buch, meine „Die Welt, verbessert“, mein aktuelles Krimi-Manuskript und alle Bücher, die ich je als Ghostwriterin schrieb, doch ähnlich: im Detail.

Details, die ein gutes (Ghostwriting)Buch ergeben

Und das ist auch ein enorm großer Teil des Schreibens, egal ob Ghost- oder „normal“: Das Herausfinden solcher Details. Kein Wunder, dass ich manchmal wochenlang kein einziges Wort aufs Papier bringe – so lange, dass sich Kunden wundern, ob ich sie nun verarscht hab, als ich sagte: „Ich schreib dir dein Buch.“ Und dann reden wir nur immer! Ich schreib nie was!

Muss aber so sein; ich schwör. Bei mir jedenfalls. Ich brauch erst Details. Ganz ganz ganz viele – und die zusammen ergeben den Text. Das Buch.

Und diese Arbeit an den Details wiederum find ich manchmal aber echt kompliziert. Denn das nun ist doch ein Unterschied: Wenn ich „meine“ Bücher schreibe, muss ich mich mit niemanden absprechen.

Außer mit meinem Agenten vielleicht, oder mit einer Lektorin, die sagen: „Joey, wenn du einen Krimi schreibst: Wo ist die Leiche? Ich frag ja nur. Bist schon auf Seite 100 und noch immer ist niemand tot.“

„Oh“, sag ich dann und schreib dann doch anders, als ich ursprünglich so dachte. Schreib ein paar Leichen ins Manuskript. Die dann aber mit den Details, die ich im Text haben will. Ich!

Ein Buch in einer Woche geschrieben!

Und dann kommt irgendwann der Moment, wo ich all die lange gesammelten Details zu Papier bringe. In einem einzigen Schwung! Ich arbeite durch, setze den Stift nie ab. Schlafe nicht, esse nicht, verlass den Schreibtisch nur für kurz aufs Klo … So stellen sich das einige vor. Ist aber nicht so. Aber doch recht ähnlich: Sobald ich schreibe, schreibe ich. Viel, schnell.

So schnell schreibe ich dann manchmal, dass an einem einzigen Wochenende zwei vollständige Geschichten entstehen. (Kurzgeschichten; und beide gewannen sie Preise. Besonders auf den Preis für „Besten Humor“ aus der Nachtschicht-Tagschicht-Nachtschicht Freitag-Samstag-Samstag bin ich stolz (Ich ging da tatsächlich nur kurz auf Klo. (Aber gewann! Mit „Primärwut“ aus „Die Welt, verbessert“.)))

Eh, wo war ich?

Siehst du: Das passiert auch beim Schreiben – ich lande ganz woanders. (Mit vielen Nebengedanken in Klammern.) Und das wiederum ist verschieden, Ghostwriting und „eigene Bücher“ – bei meinen Büchern darf ich das; bei Ghostwriting-Büchern muss nach dem Flussspaziergang der Kuss kommen, dann die heiße Nacht, und nicht irgendwas (in Klammern), wohin mein Schreibfluss mich so führte.

Außer ich kenne schon echt viele Details! Dann führt mich der Schreibfluss zu einem Ende vom Kapitel, der ganz anders ist als am Anfang erwartet, aber dennoch passt. Weil ich die Details kenne, und mein Hirn aus ihnen auswählen kann. Und deshalb: erst sammeln, dann schreiben.

Schnell schreiben! Da war ich; darum ging’s.

„Zwei Kapitel an drei Tagen?“, fragen mich Kundinnen mitunter. Und werden misstrauisch. „So schnell kann doch niemand …“

„Doch“, sag ich dann. „Kennst du das von ___ (hab den Namen vergessen, aber kann man ja googeln; da gab es so einige), der sein Buch ___ (ganz berühmt! Aber auch vergessen.) so schnell geschrieben hat, wie man zum reinen Schreiben braucht? Stift aufs Papier und ab! Nix überlegen, nix anhalten, nix ändern … es fließt einfach!“

Also, ich hab noch kein ganzes Buch in einer Woche geschrieben. Aber in sechs Wochen. Das geht. (Plus sechzehn Wochen vorher, wo ich noch suche. Lausche. Mir Details hole, sammele.)

So, und zwei Bücher gleichzeitig schreiben?

Ah, zwei Bücher gleichzeitig schreiben!

An zwei Manuskripten auf einmal arbeiten ist toll, finde ich. Und aber nicht wirklich „gleichzeitig“; ich schreib nicht links am Laptop einen Satz vom Krimi, rechts auf dem zweiten Laptop (ich hab eh nur einen) die Biografie. Sondern so tageweise.

Oder doch mitten im Satz ein Wechsel – wenn ich nicht weiterkomm. Dann braucht mein Hirn Pause, und wenn ich aber noch fit genug bin, um eigentlich weiterzuschreiben, mein Hirn also nur Pause von einem bestimmten Thema braucht, ist das andere Thema/ Buch dran. Und das ist so richtig, richtig toll: Ich muss nicht aufhören zu schreiben, nur weil mein Hirn müde vom Manuskript ist! Ich nehm einfach das andere zur Hand!

Die zwei Manuskripte befruchten sich auch gegenseitig – ich verrat jetzt mal ein Ghostwriter-Geheimnis: In dem Buch, was du von mir schreiben lässt, steht manchmal was drin, was gar nichts mit deiner Geschichte zu tun hat! Sondern mit meiner! So ist das!

Wenn in (meinem) Krimi zum Beispiel grad Gewitter ist, aber kein Gewitter sein darf, weil dann wieder der Strom ausfällt, und das soll er doch erst drei Tage später, zum Mörder-Finale, dann pack ich das Gewitter einfach in deine Biografie! Und dann küsst sich da ein Paar im strömenden Regen, voll super duper romantisch – und ich hoffe dann einfach, dass das für dich okay ist, auch wenn damals beim Flussspaziergang die Sonne schien. (Und wenn nicht, pflück ich das Gewitter dann doch wieder raus und fluche ganz heimlich über dich.)

Die Beziehung Ghostwriter-Kunde / Autorin-Autorin

Womit wir bei der Beziehung gelandet wären. Wer fluchen darf, wer nicht. Wer am Text rumkritteln darf, wer lieber immer nur lobt. Wer den Rotstift ansetzen darf, und letztendlich entscheiden, was mit dem fertigen Buch geschieht.

Beim eigenen Buch ist das ganz einfach: Ich, ich, ich und ich. Alles ich. Außer wo erscheinen, das entscheidet der Verlag, ob er es nimmt. (Aber ich zuvor, ob ich überhaupt bei dem Verlag sein will.)

Und beim Ghostwriting: ich, du, ich, du, ich, du, ich, du. Du, ich, du, ich, du, ich. Wir. Ach, je nachdem. Du bist eigentlich der Chef, außer wenn ich der Chef bin. Und dann bin ich wieder der Chef, bis du sagst: „Ach nee, so eigentlich nicht.“

In anderen Worten: Wir sind ein Team. Und das ist das wirklich fast Allertollste am Ghostwriting, wenn die Kunden mitspielen (nicht alle tun das): Wir schreiben zusammen! Ich sitz ja schon als Autorin meiner Bücher immer alleine da, nur mit mir selbst als „Team“, als Gegenüber, als Disputpartnerin („Den Satz streichen!“ – „Auf keinen Fall!“ – „Okay, aber dann zumindest an eine andere Stelle.“ – „Okay, passt.“). Dann ist es echt toll, wenn ich auch mal mit anderen als nur mit mir selbst über ein Manuskript, einen Text, ein Buch sprechen kann.

Der Dialog bleibt derselbe, „streichen – auf keinen Fall – zumindest woanders hin – okay“, und die finale Entscheidung, was mit dem Buch passiert, wenn der Text tiptop-fertig ist, ist alleinig deine, aber sonst? Mitspracherecht! Wir beide. Ich bei dem, wo ich Profi bin, beim Text, beim Buch an sich, wie man das aufbaut; du, wofür du Profi bist: dein Leben, deine Geschichte, den eigentlichen Inhalt des Manuskripts.

Bücher für andere/ für sich selbst schreiben

Fazit also: Beides ist toll! Ein Buch für sich selbst schreiben, die eigene Geschichte, eigener Inhalt, eigener Inhalt, eigener Stil, alles eigen; und ebenso ein Buch für andere verfassen bzw. verfassen lassen. Oft ist die Mischung das Beste, mal so, mal so. Und diese Mischung ergibt sich beim Ghostwriting fast von selbst – es sei denn (das gibt es auch, ist aber nicht mein Favorit), der Kunde sagt, was er will und taucht erst am Ende wieder auf, wenn fertig. Liest, segnet ab.

Die Mischung von zwei Büchern gleichzeitig, simultan in Arbeit: auch das mag ich enorm. Es inspiriert, bereichert, heizt an; ich muss nur etwas aufpassen, dass die Figuren im Buch meiner Kunden nicht plötzlich ständig „Ich schwör!“ sagen. Oder dass sie zu viele Klammern im Text haben (wie ich es gern als Stilmittel bei mir einsetze). Aber so schwer ist es nun auch wieder nicht, am Ende, spätestens beim Lektorat, zu sagen: „Das passt hier nicht. (Ich schwör!)“

So, und jetzt bin ich gespannt:

  • Was sagt du dazu?
  • Ein Buch, zwei Bücher?
  • Schon mal ein Buch schreiben lassen?

Schreib’s mir in die Kommentare, und wenn ich weder Buch 1 noch Buch 2 in Arbeit habe, antworte ich dir. Ich schwör!

Und für weitere Einblicke in Autorenhirne: Abonnier meine News.

PS, Bild: Eine Ausnahme. Drei Laptops auf einmal, weil ich einen neuen bekam, und da dann mal wirklich aufgeräumt habe. Den ganz alten und den nun alten zusammen auf den neuen kopiert. (Hat geklappt!)

PPS: „Ghostwriter“? Liest du hier: Ghostwriting – ein Buch schreiben lassen

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