Romanfigur aus dem echten Leben
Ich bin ja so eine Autorin, die Grundlage braucht. Echte Orte, echte Personen – und dann von da aus springen. Ab in die Fiktion, in andere Welten.
Aber ein Anker muss sein. Zu dem ich immer wieder zurückkehren kann, ein Bild, ein inneres, und das wiederum braucht ein anderes Bild, ein äußeres, als Grundlage.
In einer Kurzgeschichte schrieb ich mal über einen Gemüseladen. Der war eigentlich kein Gemüseladen, sondern ein Späti. Aber wie der Raum aufgeteilt war! Schaufenster, Tresen, hinten ein Kabuff … Die Größe, die Lage, die Menschen, die da so im Kiez waren. All das behielt ich.
Obwohl: Die Lage änderte ich dann noch.
Und jetzt hab ich wieder so einen Laden. Mehrere. Fleischer, Apotheke, Supermarkt. Der Weg von einem zum anderen. Wie lang der ist, wie breit, wie er mäandert. Fakten: Ob man von einem Laden-Eingang den anderen sehen kann. Dass da eine Banane über die Mauer links wächst. Dass es da scharf rechts um die Kurve geht. All das. Ist da. Im Roman, in “Klopapier”.
Und eben auch diese eine Person. Denn was für Orte gilt, gilt auch für Menschen: solide Grundlage her! Und hier im Dorf gibt es einen Menschen, den ich echt nicht mag.
Oder eher: Dieser Mensch mag mich nicht.
Nicht mehr, muss ich sagen. Am Anfang mochten wir uns schon. Nicht besonders, eher so, wie man Menschen mag, die okay sind und eben im selben Ort wohnen. Nichts Umwerfendes an Verbindung zwischen uns, aber doch ein gutes Okay.
Und dann aber! Das Thema! Weißt schon: DAS Thema!
Corona.
Corona: noch immer „böses“ Thema mit hochemotionalen Reaktionen
Eines Tages traf ich diesen Menschen mal wieder durch Zufall, wir saßen im selben Café, quatschten ein bisschen. Sie sagte, dass sie die letzte Woche gar nicht vor die Tür gegangen wäre, weil irgendjemand im Dorf einen positiven Test gehabt hätte, und sicher sei sicher.
“Ah ja”, sagte ich.
“Ich hab mich auch getestet”, ging’s weiter, mit dieser Geste, die beruhigen soll, á la Ich bin keine Gefahr.
“Ah ja”, sagte ich. Und fragte dann doch, obwohl ich schon ahnte, wie das wohl enden würde (du ahnst es auch?): “Wieso testest du dich? Wenn du keine Symptome hast?”
Ich wollte es echt wissen. Denn das irritiert mich immer noch, und besonders Jahre nach der offiziellen Aufhebung der offiziellen Todesgefahr: Wieso auf einen Test vertrauen statt auf sich selbst? Auf seinen Körper, Symptome etc.? (Mal abgesehen davon, dass dieser Test … ach, ich glaub, das ist immer noch offiziell “Verschwörung” zu sagen, dass der nicht so viel taugt.)
Egal, jedenfalls fragte ich, und bekam die entsetzte Gegenfrage: “Du gehst also raus, wenn du postiv getestet bist?”
“Nö”, sagte ich. “Oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht, weil ich teste mich nicht.”
Schweigen.
So ungefähr eine Minute lang; ich überlegte derweil wie weiter (was mein Gegenüber überlegte, weiß ich nicht).
In der Vergangenheit hatte ich gehofft, dass sich solche Situationen magisch von selbst wieder entspannen. Aber ich bin ja lernfähig, also sagte ich:
“Also, ich seh schon, dass wir bei dem Thema recht verschiedene Meinungen haben.”
Immer noch Schweigen.
Dann ein Stuhl-Schieben, ein Aufstehen, ein Gehen.
Wortlos.
Und nie wieder sprachen wir.
Plötzlich nicht mehr befreundet
Sie schob den Stuhl also zurück, stand auf, ging.
Ich blieb, schaute ihr nach.
“Äh. Äh? Was?”
Mein Angebot, über eine verschiedene Meinung zu einem Thema, so kontrovers es auch war, einfach zu reden, war abgelehnt. (Aber so was von!)
Ich sprach stattdessen mit zwei anderen Menschen, die ich Minuten später durch Zufall traf. “Weißt du, was mir gerade passiert ist?”, erzählte ich. (Ich glaub, ich war ein bisschen geschockt.)
Den Schock verarbeitete ich aber doch ziemlich schnell, denn als ich diese Person ein paar Tage wieder zufällig sah, überraschte mich nicht (verletzte mich aber doch), was dann passierte:
Sie wich mir aus. Tat so, als sähe sie mich nicht. Kam mir entgegen auf einer Straße im Dorf – und bog dann unvermittelt ab.
“Okay”, dachte ich. “Kann Zufall sein.”
War’s aber nicht, denn das nächste Mal passierte es ebenso.
Da hatte ich den Impuls, ihr hinterherzurennen, sie zur Rede zu stellen. Ich tat es nicht, weil … Ich weiß auch nicht. (Schlaue Ideen dazu? Höchstpsychologisch erklärt?)
Und seitdem: Immer dasselbe:
Sie sieht mich, biegt ab.
Sie sieht mich, muss plötzlich telefonieren.
Sie sieht mich, dreht den Kopf ganz arg nach rechts, nach links, was auch immer weg von mir ist.
Wie echte Menschen als Figuren in einem Roman landen
Und so ist sie in meinem Buch gelandet.
Als Vorlage der Figur, die einen vollen Pandemie-Schaden hat. Die sofort urteilt, statt mal zu denken, zu reden, nachzufragen.
Oder eher: Sie denkt schon recht viel, diese Figur in meinem Buch.
Eine ganze Nacht lang, allein zu Hause, nachdem sie eine im Dorf gesehen hat, die niest! Und womöglich (ganz bestimmt sogar, jetzt wo sie so drüber nachdenkt), Corona ins Dorf eingeschleppt hat.
(Auszug aus dem Manuskript)
Und da sieht man mal wieder: Je weniger so ein menschliches Hirn vor Augen hat, um so mehr hat es eben doch vor Augen; in Leos Fall: einen Pfad, der zur Gasse zum Weg zur Straße zur wahren Autobahn wurde, und auf dem eine tödliche Krankheit mal linksrum-absteigend, mal rechtsrum-mäandernd, öfter jedoch in alle Richtungen zugleich tödlich sprühend durch das gesamte Dorf nieste und sich erbrach (und was waren noch mal alle Anzeichen gewesen? Durchfall? Fieber?), oft auch symptomlos, dafür aber um so gefährlicher, und gegen vier Uhr morgens hatte das Dorf keinen einzigen Gesunden mehr.
Jedenfalls nicht in Leos Kopf.
“Leo” heißt sie jetzt also, diese Figur. In Wirklichkeit heißt sie anders, und manchmal rutscht dieser andere Name ins Manuskript.
Ich fisch ihn raus, denke an die echte Person, denke: Werden wir eines Tages doch mal wieder miteinander sprechen? Zumindest Hallo sagen vielleicht?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass blöde Kuh! So denk ich auch manchmal, wenn ich an sie denke. Und jetzt hab ich die blöde Kuh im Roman und bin mir nicht sicher, ob sie das wirklich verdient hat.
Was denkst du?
“Blöde Kuh“-Kommentare gerne unten hin!
PS, Bild: Keine blöde Kuh, sondern eine Karnevalsfigur aus dem Nachbardorf des Dorfes, wo die blöde Kuh nun auf dem Papier dafür sorgt, dass … hah, selber lesen! Wenn es das Buch endlich zu kaufen gibt.
PPS: Ich sag dir Bescheid, wenn es das Buch endlich zu kaufen gibt! Gerne sogar – gib mir einfach deine E-Mail-Adresse.
Ehrenrettung der Romanfigur
Leo unterdessen war besessen.
Und noch einen Satz (drei Sätze sogar!):
Dieser Moment. Ein klarer Gedanke. Womöglich unnütz Panik verbreiten.
Und als drittes:
Bei allem, was später geschah, bitte ich das nicht zu vergessen: Es gab diesen Moment. Er macht Leo nicht unschuldig; er spricht Leo nicht frei; aber er bedeutet zumindest, dass Leo sich bemühte.
Leso also.
Leo ist besessen – von dem Gedanken, dass sie wieder da ist: die Pandemie. Im Dorf!
Und Leo verbreitet Panik.
Aber Leo bemüht sich auch. Jawoll!
PPPS: Sie heißt jetzt nicht mehr Leo, diese Figur im Buch. Sondern anders. Aber ich denk, du erkennst sie dennoch sofort, wenn du den Krimi liest. (Auch wenn sie nicht die Mörderin ist; so viel darf ich verraten.)
PPPPS: Das Buch heißt aktuell noch „Klopapier“. Mal sehen, ob das bleiben darf (entscheidet der Verlag. Die Umbenennung der blöden Kluh entschied ich, mit Hilfe treuer Leser*innen, die ich manchmal per Newsletter nach solcherart Hilfe frag.)







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