Feuer in Griechenland: Was tun, wenn’s im griechischen Dorf auf der Insel brennt?

Nachts um zwei geweckt werden, weil dein Dorf in Flammen steht - schön ist das nicht. Dann wiederum: Wer die am lautesten schreiende Nachbarin hat, überlebt, wenn es brennt! Und kriegt auch Kaffee, bis die Feuerwehr kommt.
Feuer in Griechenland Insel Lesbos

Griechenland-Geschichten von Joey Juschka

„Joey!“

Ich will nicht. Ist nachts um 2 Uhr. Bin grad erst eingeschlafen.

„Joey! Joey! Wach auf!“

Nee, du kannst mich mal. Was brüllst du überhaupt so rum hier?

„Joey! Es brennt!“

Häh?!

„Joey!!!“

Na gut, ich steh mal auf.

Lauf runter, in die Küche, in den Hof, dann aus dem Tor, und da steht sie dann: Eine Freundin, die gleich ums Eck wohnt, mit ihrem Hund an der Leine, und schreit: „Es brennt!“

Es brennt! Direkt vor deinem Haus!

„Was? Wo? Wie? Häh?“, denk ich und sag ich, aber dass es ernst ist, seh ich dann doch recht schnell; ich erkenne es daran, dass die Oma von nebenan auch auf der Straße steht, und zwar in ihrem Nachthemd. (Ich selbst steh in Boxershorts und hastig angezogenem Shirt.)

Und dann ist da noch eine Oma, eine Frau und ein Mädel – die kleine Familie, die ein Mal im Jahr für zwei Wochen das Haus rechts von unserem bewohnt. Die Oma zittert. Vor zwei Tagen erst sind sie für ihren diesjährigen Urlaub hier angekommen, und jetzt brennt’s?

„Wo brennt’s?“, frag ich.

Meine Freundin, die mich wachgerufen hat, zeigt auf das Haus links von meinem. „Dahinter. Die Berge.“

„Ich seh nichts“, sag ich, aber kaum lauf ich ums Eck, kaum versperrt das Haus die Sicht nicht mehr, seh ich’s doch.

Wenn die Berge ums Dorf herum in Flammen stehen

„Oh“, sag ich. Mehr fällt mir nicht ein. (Wär dir was eingefallen zu sagen bei diesem Anblick? Das Bild zum Artikel – genau so war’s: Aus dem Haus, einmal ums Eck rum, und da war das Feuer dann auch schon.)

Wir laufen weiter, zu dritt: meine Wach-Schrei-Freundin, die Oma im Nachthemd und ich. Wir laufen die Straße runter, 100 Meter weiter zum Ende des Dorfes (unsere Häuser stehen am Ende des Dorfes).

Andere sind auch schon ans Ende des Dorfes gelaufen; die gesamte Nachbarschaft versammelt sich hier und schaut. Spannend, mal zu sehen, wer hier alles so wohnt. Viele sind’s nicht – zwanzig Leute vielleicht.

Gartenschlauch gegen Waldbrand auf der griechischen Insel

Eine dreht schon mal den Gartenschlauch auf und spritzt ihr Haus vorsorglich nass; ein zweiter stellt die Lautstärke am Handy auf maximal, so dass wir alle die Warnmeldung hören, die automatisch an alle Geräte in der Gegend gesendet wird: „Lesvos, Eressos: Feuer! Folgen Sie den Anweisungen!“

Dann kommen aber keine Anweisungen (dafür muss man auf einen Link klicken); dafür kommt das Feuer: den Bergkamm entlang, den Berg runter, den nächsten Berg wieder rauf … Recht schnell breitet es sich aus; und all diese Berge sind nur durch eine Straße von uns entfernt.

Die Feuerwehr ist noch nicht da; die braucht eine halbe Stunde Fahrtzeit durch die Berge zu uns ins Dorf (durch die Berge, die jetzt brennen).

„Oh“, sag ich. „Und jetzt?“

„Jetzt trinken wir Kaffee“, sagt meine Freundin. „Auf meiner Terrasse.“

Kaffeetrinkend auf die Feuerwehr warten

Erst im Nachhinein merk ich, wie absurd das klingt. Aber es war doch genau das richtige: Von der Terrasse aus konnten wir viel besser sehen, was passierte. Wie der Wind wehte (nicht zu uns; hurra!), wie die Feuerwehr kam (zwei Löschfahrzeuge), wie sie die Schläuche ausrollten …

Und irgendwann war es dann aus, das Feuer.

… war es dann aus, das Feuer.
… aus, das Feuer.
… aus.

So war das.

Feurige Geschichten aus Griechenland

Wie’s sonst noch so ist, in Griechenland, auf dieser Insel mit echt tollen Nachbarn, Omas im Schlafhemd, brennenden Bergen und immer erst mal einen Kaffee trinken, holst du dir per Newsletter aus Griechenland direkt in deinen Posteingang. Trag dich hier kostenfrei ein:

Wilde Feuer und Lesben auf der Insel Lesvos

Als ich später im Handy die Fotos anschaute, die ich gemacht hatte, scrollte ich auch mal vor und zurück. Was war direkt vor dem Feuer? Danach?

Screenshots waren es; beide Male.

Am Tag danach schickte mir jemand einen Artikel zu, „Our Wild Weekend on Lesbian Island“. Ein reißerischer Bericht über das heiße Lesbenleben hier im Dorf, nur vom Feuer kein Wort. Das Feuer war ja auch in Eressos, dem oberen Dorf, vom unteren Stranddorf Skala Eressos, wo das heiße Lesbenleben im September beim Sappho Women’s Festival anscheinend tobte, vier Kilometer entfernt.

Schon in 400 Meter Entfernung Wohnende haben vom Feuer nichts mitgekriegt, saßen am nächsten Tag neugierig schnuppernd im Café: „Irgendwas riecht hier verkohlt.“ Und ich krieg vom heißen Lesbenleben unten am Strand offenbar auch zu wenig mit, so dass man mich mit Zeitungsberichten auf dem Laufenden halten muss.

„Warum ich schreibe“ – über Griechenland

Der Screenshot vom Tag davor: „Why I write“ von George Orwell, ein paar Seiten abfotografiert. Auch irgendwie doof – früher mal, ohne Handy, hab ich mir von Texten, die mich ansprachen, Notizen gemacht, statt Kamera draufhalten und dann gleich wieder vergessen.

Aber ich schreibe ja. Vom Feuer, das mich nicht weckte. Von der Nachbarin, vom Kiez. Von der Gelassenheit im Umgang mit Bergen, die nur eine Straße entfernt brennen. Was sonst soll man auch tun, wenn die Natur wütet? Wie in Katastrophenfilmen kreischen? Ich weiß nicht.

Ich weiß überhaupt recht wenig über Natur, als eigentlich Stadtmensch, nun auf dem Dorf, und dann auch noch in Griechenland, wo ich die Sprache noch immer nicht gut sprech. Was heißt denn eigentlich „Es brennt!“ auf Griechisch? Und „Wach auf!“?

Katastrophenalarm auf dem Handy

Ich muss noch viel lernen. Nicht nur die Sprache, sondern auch:

  • Kaffee trinken, wenn’s brennt.
  • Die Nachbarn auch im Nachthemd erkennen.
  • Und vielleicht auch mal, wie ich den Katastrophenalarm auf meinem Handy aktiviere, damit die Technik mir Bescheid sagen kann, wenn’s das nächste Mal wieder so weit ist, denn brennen tut es hier Jahr für Jahr.

Dich lad ich ein: Sei mit dabei.

Bericht aus Griechenland!

Hier ist der Deal: Ich bin weiter vor Ort, in Griechenland, im Dorf. Mit Feuer, mit Oma, mit Freundin, mit Kaffee (und vielleicht auch bald mit Katastrophenalarm auf dem Handy, wer weiß?) – und du … Du sitzt in sicherer Entfernung auf der anderen Seite des Bildschirms und liest.

Meine Mails aus dem Dorf, aus Eressos, Lesvos. Woche für Woche mein Bericht in deinen Posteingang. Das Leben in Griechenland.

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