Ich geb’s zu: Ich war enttäuscht, als ich das erste Mal in Skala Eresos war. Als ich den Ort sah, wie klein er eigentlich war, diese zehn Cafés in einer Reihe am Ufer entlang, noch mal zehn (oder zwanzig, oder dreißig, ich hab nicht gezählt) in zweiter Reihe zum Meer, in den Seitenstraßen und Gassen … Da noch ein Kino, dort noch eine Halle, ein Salon, ganz hinten am Strand Frauentreffpunkt zum täglichen Volleyballspielen – und das war’s dann auch schon.
„Wie jetzt?“, dachte ich. „Ich dachte, das ist ein Riesenfestival! Zwei Wochen internationales Programm, Konzerte, Filme, Partys, Lesungen, Workshops, die Stimmung am Kochen … Aber … Tja. Hmm.“ So dachte ich. (Ich sag’s ja: Das wird ein ehrlicher Bericht zu meinen Erfahrungen zum Sappho Women International Festival.)
Ich nehm’s vorweg: Es gab zwei Wochen Party, Stimmung und geiles Programm. Nur kam ich aus Berlin, wo Partys eher Lagerhallengröße sind, 2.000 Menschen unter Stroboskop – und nicht 200 unter Sternenhimmel am Strand; und wenn’s ein Festival gibt, hat es gefälligst zehn solcher Hallen zu füllen. Jede mit drei Floors und fünf Bars, eigens errichtet und ausgestattet mit High Tech Pipapo etc. – und nicht drei Bars und fünf Cafés im Dorf, die sowieso existieren und am Tag des Events, das in ihnen stattfindet, ein Festivalschild an die Tür geklebt bekommen.
So ist das also mit dem International Women’s Festival in Skala Eressos.
Single oder Paar: Lohnt sich das Festival für Alleinreisende?
Am zweiten Tag beruhigte ich mich und fand es eigentlich cool – dadurch, dass Skala Eresos so klein ist, ist man auch als Alleinreisende immer bestens informiert, was wann wo stattfindet, oder verschoben und an einen Ort verlegt wurde. Jeder weiß irgendwas, und wenn du die heutige Party nicht findest, fragst du einfach die nächste Frau, die dir auf der Straße entgegenkommt. Schon sucht ihr zu zweit, verbringt den Abend miteinander, vielleicht auch die Nacht, werdet ein Paar, heiratet, eventuell Kinder, und kommt ab dann jedes Jahr zusammen und nicht mehr als Single in eurem Jahresurlaub zum Festival, bis ihr euch streitet und dann doch wieder Singles seid und wieder allein nach Lesbos reist.
Okay, ganz so ist es nicht – dann wiederum aber doch. Man findet sich schnell. Zieht spontan mit neuen Bekanntschaften rum. „Du, ich will noch zum Schreibworkshop heute, kommst du mit?“ – „Nee, ich geh zum Ekstatischen Tanzen und danach Tierkommunikation oder Kakao-Zeremonie. Aber wir können uns zur Fashion Show treffen! Hältst du mir einen Platz neben dir frei?“
Tanzen, trommeln. Mit Tieren reden. Gedichte verfassen. Blumen auf T-Shirts drucken, Yoni lieben und Füße massieren. Es sind typische Frauen-Workshops, die da stattfinden beim Festival. Die Beschreibungen machen mich nicht wirklich an, muss ich gestehen. Ich mach Dinge auch oft lieber allein, eigenständig, wann und wo ich will – und nicht zu einer bestimmten Uhrzeit/ Tag, weil es eben so im Programmflyer steht. Aber ich wohn ja auch fast hier auf der Insel; ich komm nicht nur zum Urlaub und Festival angereist – und das macht einen riesigen Unterschied. Ich hab jeden Tag Yoga am Strand, das ganze Jahr lang, früh, mittags, spät, nachts, wann auch immer ich will. Und Frauen wie mich, die nach dem September-Festival noch in Skala Eresos sind, gibt es auch zuhauf, so dass ich das ganze Jahr über lesbische Gesellschaft haben kann.
Du willst wissen, wie es ist ist, das ganze Jahr auf der Trauminsel für Lesben zu leben?
Das Festival ist legendär, aber wie lebt es sich auf Lesbos, wenn die Massen wieder weg sind? Wenn du wissen willst, wie das echte Griechenland im Alltag und im Winter tickt, hol dir meinen wöchentlichen Sonntags-Newsletter. Humorvoll, ehrlich und garantiert unzensiert.
Zwei Wochen Ausnahmezustand im Frauenparadies
Das Women’s Festival startet meist in der zweiten Septemberwoche, wenn die ärgste Hitze des Sommers in Griechenland vorbei ist. Meine Erfahrung: Eigentlich geht es schon Tage vorher los. Die ersten Besucherinnen trudeln bewusst früher ein, denn es macht Spaß, auf der zentralen Plateia zu sitzen und neue Lesben beim Ankommen zu beobachten. Wie sie aus dem Bus am Parkplatz steigen, oder aus einem Taxi, wie sie Skala Eresos das allererste Mal betreten, noch etwas gestresst. Doch bald sitzen sie mit dir Seite an Seite im Café und schauen dem Leben ebenso entspannt zu wie du, weiteren anreisenden Frauen entgegen, neuen und alten Bekannten zugleich.
Mit der Ruhe ist es vorbei, sobald das Festival offiziell startet. Jeden Tag volles Programm, die Nächte werden durchgemacht; vor zehn Uhr früh kriecht keine einzige Frau aus dem Bett. Daher mein erster konkreter Tipp: Willst du mal niemanden sehen, geh frühmorgens an den Strand. Im Sand stecken Regenbogenflaggen, aus den Zelten am Turtle River hörst du es sanft schnarchen (ja! Du kannst auch zelten in Skala Eresos); das Wasser ist spiegelglatt und menschenleer, dafür um so mehr Fische hast du für dich ganz allein. So erfrischt kehrst du an den Ort des Geschehens zurück: Das griechische Dorf, das zur lesbischen Großstadt wird.
Wichtige Tipps für deine Planung: Tickets und Unterkunft
Über tausend Frauen kommen Jahr für Jahr – mehr als Skala Eresos an Einwohnern hat. Kein Wunder, dass Unterkünfte oft schon Monate im Voraus ausgebucht sind, das Festival-Armband heiß begehrt. 125 Euro kostet es dieses Jahr (2026) und berechtigt dich zu Eintritt überall. Manchmal fallen weitere Kosten an, für Touren und Ausflüge, für Workshop-Material – aber mit einem Wristband hast du immer Vortritt. Du kannst zwar auch Tagestickets für einzelne Events kaufen, aber damit stehst du hinten an, musst warten, bis alle mit Armband Platz gefunden haben. Und meist ist das Kino dann voll, das Boot belegt, der Workshop dicht. Also lieber: Festivalpass kaufen. Hier ist auch gleich der Link: Ticket für das International Eresos Women’s Festival 2026.
Das Festival-Ticket kaufst du am besten weit vor September schon von zu Hause aus, online. Das eigentliche Wristband bekommst du dann vor Ort mit deinem Kaufbeleg – beste Gelegenheit, gleich mal eine Menge Frauen zu sehen, die mit dir zusammen in der Schlange stehen, und dir auch das ausgedruckte Programmheft ins Hotel mitzunehmen.
Dass die Hotels in Skala Eresos Monate vorher schon ausgebucht sind, ist kein Hindernis, zum Women’s Festival zu kommen. Zelten ist wie schon erwähnt eine Option; eine andere: schon vor dem Festival Verbindungen schaffen. Besuch mal die Facebook-Seite des Dorfes, Eressos Connected, da findest du immer wieder Posts von Frauen, die Mitbewohnerinnen für ihre Unterkunft suchen. Oder poste selbst, stell dich vor – Vermieterinnen antworten meist per Privatnachricht und haben dann doch noch ein Zimmer für dich.
Lesbische Erlebnisse in bunt und international
Mit Hotel und Ticket versorgt, kannst du im Lesbenparadies nun entspannen, tausende Frauen aus aller Welt sehen und treffen, mit ihnen feiern, tanzen und lachen. Etwas Englisch oder eine andere Sprache außer Deutsch solltest du können. Denn es wird wahrhaft international – Engländerinnen, Holländerinnen, Französinnen, Italienerinnen und sonstige Europäerinnen treffen sich zum Festival, aber auch Lesben aus Australien und den USA reisen eigens dafür in dieses griechische Minidorf an. Zudem Frauen allen Alters, aller queeren Ausrichtungen … obwohl: Höhere Alter, ab 40, überwiegen, ebenso eine klassische Definition von „Frau“.
Dennoch: Trans Menschen kommen ebenfalls, dazu auch die jüngere Generation, die, so wie ich, wohl Lagerhallen voller Partys erwartet – und dennoch nicht enttäuscht ist, über das, was es in Skala Eresos tatsächlich gibt: Natur, Sonne, Meer, Spontanität, Leichtigkeit, Unverbindlichkeit, gleichzeitig das Entstehen von Freundschaften, die über Jahrzehnte immer wieder neu entfacht werden, bei jedem einzelnen Festival, wenn man sich erneut begegnet.
So wird das Festival zum Hit: Meine Erfahrungen für dich
Damit du beim Festival selbst das Maximale für dich herausholst, hier noch ein paar wild zusammengewürfelte, aber erprobte Tipps für dich:
- Wenn eine Veranstaltung 5 Minuten Laufentfernung ist, plane 50 Minuten ein. Du wirst jemanden treffen, anhalten, quatschen, oder hier und da am Straßenrand etwas entdecken, dass dich innehalten lässt, von süßer Katze über Lesbos-Souvenir zu griechischer Architektur und dem Straßenleben an sich. (Und dann noch das Meer! Da noch mal schnell rein?)
- Ist eine Veranstaltung als „ausgebucht“ markiert, versuch es trotzdem. Manche Frauen kommen nie an, obwohl sie Tickets haben. Siehe voriger Punkt – sie treffen andere Frauen und entschließen spontan, in den Swimmingpool des Hotels der einen zu springen, danach gemeinsam essen zu gehen, statt zum Workshop, Konzert, Film usw.
- Wenn du Pause vom Festival brauchst: Ab ins obere Dorf, nach Eresos. Auch da gibt es Platz, um das Leben gemächlich an dir vorbeiziehen zu lassen – in stillen, zeitweise gar ganz leeren Cafés. Denn alle streben zum Meer. Ein Taxi bringt dich den Berg hoch und auch wieder runter; aktueller Preis für eine Fahrt: 6 Euro (letztes Jahr noch 5 Euro, aber tja). Taxis findest du unten vor dem Festivalbüro / Sappho Travel – am Platz, wo die Straße aus Skala Eresos hinaus beginnt. Stehen da nur Wagen ohne Fahrer, sitzen die im Amigos (echt guter Kaffee!) und sehen dich schon, wenn du verzweifelt genug schaust. Oben im Dorf warten nie Taxis; da fragst du im Restaurant, dir eins zu rufen. (Oder lauf mal – immer dem Meer entgegen. 4 Kilometer, schaffst du in einer Stunde.)
Wie du vor all diesen Lesbos-Erlebnissen und Festival-Erfahrungen überhaupt nach Skala Eresos kommst, liest du in meinem Beitrag Anreise nach Skala Eresos: So planst du deinen Lesbos-Urlaub stressfrei. Im Artikel findest du auch einen Link zur Fahrgemeinschaft des Dorfes für die Reise vom Flughafen und zurück. Aber ich denke: So schnell wirst du Skala Eresos gar nicht verlassen wollen, dass du jetzt schon an Abreise denkst.
Lust auf Lesbos auch jenseits des Festival-Trubels?
Das Women’s Festival ist großartig, aber die Insel hat noch so viel mehr zu bieten. Wenn du Lesbos jenseits der Massen entdecken und das echte griechische Leben spüren willst, komm mit mir auf Tour! Ich zeige kleinen Frauengruppen meine absoluten Lieblingsorte. Melde dich für meinen wöchentlichen Newsletter an, um dir einen Platz für die nächsten Vor-Ort-Touren zu sichern.
Komm doch wieder! Einmal Festival, lebenslang Fan
Hat dir das Sappho-Festival gefallen, sei clever und buch dir schon jetzt dein Hotel fürs nächste Jahr. Frag deine Vermieterin nach ihrer Nummer; oder mach es sofort vor Ort klar, so lange du noch da bist. Du kannst auch Festival-Pausen nutzen, um nach anderen Hotels für nächstes Jahr zu suchen – und such dir dabei auch gleich den sympathischsten Taxifahrer im Dorf heraus. Hast du dessen Kontakt, kannst du ihn in Zukunft zum Flughafen beordern, damit er dich da wie eine VIP empfängt. Mit deinem Namen auf einem Schild wird er am Gate auf dich warten, und da du im Voraus buchst, sparst du zudem ein gutes Stück des Preises für die Fahrt nach Skala Eresos.
Bist du dann endlich zurück im „lesbischen“ Dorf, lad vom Gesparten doch Festival-Neulinge, wie du es auch mal warst, zum Willkommensdrink ein! Erzähl ihnen, wo sie was finden, gib ihnen Tipps, verrat deine Tricks – und zieht dann gemeinsam los, zur ersten Party des Tages, oder um Tickets zu holen, Programmhefte durchzublättern und euch zu verabreden, den Sonnenuntergang am Meer zu genießen, den Sonnenaufgang … So macht das Sappho Women Festival am meisten Spaß!









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